Ein Brief einer Dementen an ihr Pflegepersonal:


Guten Tag,

ich glaube ich bin die Frau Meier-Müller-Schulze, oder jetzt gerade doch lieber Anna.

Momentan fühle ich mich richtig wohl, wenn du mich duzt. Dann fühle ich mich dir sehr nahe stehend. Manchmal finde ich es aber sehr unhöflich, dass Sie mich duzen.

Sicherlich ist es nicht gerade einfach für dich herauszufinden, was mir gerade ganz gut tut. Vielleicht hilft es Ihnen, wenn ich dir sage, dass dies eigentlich ganz einfach ist:

Wechseln Sie die Perspektive, versuch die Welt durch meine Augen zu sehen.

Sicher – ich bin wohl häufig sehr eigenartig. Finde nicht die richtigen Worte, erzähle für Sie unsinnige Dinge, matsche mit meinem Essen, fülle Getränke um, streichle tote Gegenstände.

Du weißt schon- all die vielen Dinge von denen Sie mich intuitiv abhalten wollen “weil man doch so etwas nicht tut.

Aber in meinem Kopf ergibt dies alles einen Sinn. Es ist so schade, dass dieser dir meistens verborgen bleibt.

Nehmen Sie sich Zeit mich zu beobachten und du wirst feststellen, dass ich nicht das Gefühl habe, etwas Unsinniges und Dummes zu tun. Dieses Gefühl stellt sich immer dann ein, wenn Sie mir zeigen oder sagen, dass ich etwas nicht Richtiges tue, sage oder fühle.

Du möchtest doch auch nicht ständig in Frage gestellt werden.

Ich gebe ja zu, dass ich über 7 Jahrzehnte gedacht und gehandelt habe wie Sie.

Doch dies ist nun vorbei und ich fühle mich gar nicht so schlecht damit.

All die vergangenen Jahre war es kein Problem mich „normal“ zu benehmen, heute finde ich aber auch alles normal, nur Sie und die anderen sagen mir es sei nicht richtig was ich tue.
Die Zeit in der mir Bewusst war, dass etwas nicht stimmt mit mir, war sehr schwer. Für meine Angehörigen und auch für mich.

Meine Familie konnte nicht verstehen, wenn ich stur auf meine Aussage beharrt habe. Wie sollte sie auch verstehen? Vielleicht fällt dies einfacher, wenn man die Perspektive wechselt.

Stell dir vor man erzählt ihnen, dass gestern Besuch zum Kaffee da war, du kannst dich aber beim besten Willen nicht daran erinnern. Sagen sie ihren Angehörigen dies, werden diese aber auf der Tatsache bestehen, dass der Besuch anwesend war. Wie würden sie denn nun reagieren? Vermutlich ziemlich aufgebracht. Da versucht ihnen doch jeder irgendetwas einzureden.

Doch eins hat sich zu früher nicht verändert: alles was ich tue, denke, sage, fühle hat für mich einen Sinn.

Nur deine Reaktion darauf verunsichert mich meistens.

Man sagt Alte werden wie Kinder.

Ich bin aber kein Kind, ich bin eine gestandene, demenziell veränderte Persönlichkeit mit zugegeben häufig eigenartigen Verhaltensweisen.

Bitte nimm mich ernst.

Ich verstehe nicht, was ich falsch mache, auch wenn Sie es mir erklären.

Sprechen Sie nicht so von oben herab mit mir, komm hinunter, schauen Sie mir in die Augen.

Lass mir Zeit Ihre Ansagen in mein Tempo umzusetzen.

Wenn du mir sagst ich soll essen, weiß ich vielleicht, dass die Gabel in den Mund gehört. Aber ich habe vergessen wie das geht.

Geben Sie mir Hilfestellung, führe langsam meine Hand.

Lassen Sie es mich aber auf alle Fälle immer wieder alleine versuchen.

Respektiere aber auch einmal ein Nein, ich möchte nicht so fremd bestimmt sein.

Mein ganzes Leben war ich eine taffe, selbstständige Frau.

Versuchen Sie nicht mich dauernd in „Deine“ Welt zurückzuholen.

Für mich ist es heute leichter zu ertragen meinen Mann im Garten zu vermuten und vergessen zu haben, dass ich doch schon so lange Witwe bin.

Ich kann meine Müdigkeit auch eher verstehen, wenn ich glaube die ganze Nacht am Herd gestanden zu sein, als wenn Sie mir erklären ich hätte dies nur geträumt, da ich die ganze Nacht geschlafen haben soll.

Haben Sie noch nie so real geträumt, dass Sie den ganzen nächsten Tag unter dem Einfluss dieses Traumes gestanden haben?

Manches Mal verstehe ich auch nicht, warum ich nicht nach Hause darf. Vielleicht hat ja jemand von Ihnen nach meiner Wohnung geschaut, oder du fährst nach Feierabend dort mal vorbei. Das würde mich meistens beruhigen.

Vielleicht fiele es mir leichter, wenn Sie mir nicht dauernd erklären, dass hier mein zu Hause ist.

Sie haben es wirklich nicht leicht mit mir, dauernd musst du dich neu auf mich einlassen.

Meine Biografie hilft Ihnen sicherlich.

Wenn du es schaffst dich auf meine Welt einzulassen, verspreche ich Ihnen, dass wir ganz viel von-, über-, und miteinander lernen und erleben werden.


Bestimmt gibt es Tage an denen ich dir glauben würde.Wenn ich glaube der Himmel ist rosarot und du behauptest er sei blau- wer hat denn recht?

Sie oder ich?

Bitte hilf mir nicht das Gefühl zuhaben, ich sei vollkommen verrückt.

Ihre Anna oder lieber Deine Frau Meier-Müller-Schulze

Copyright Andrea Scherr